Erasmus-Woche am Gymnasium in der Taus

Die Erasmuswoche am Gymnasium in der Taus zum Thema „Menschenrechte erkämpfen, bewahren und gewähren!“ – ein Bericht.

Vom 8. bis zum 12. Mai 2017 waren wir Gastgeber der vierten Mobility. So lautet der Fachbegriff für die Tage, die sich Lehrer und SchülerInnen mit den Themen des Projektes gemeinsam beschäftigen.
Unsere Partnerschulen aus Alicante, Liminka, Gorzow und Codigoro kamen mit insgesamt 26 SchülerInnen an. Genauer gesagt, 25 Schülerinnen und ein Schüler, der dann unsere Jungs, Felix, Gianni und Dennis unterstützte. Pro Schule waren zwei Begleitlehrer dabei.
Das Menschenrecht, das bei unserer Woche im Mittelpunkt stand, war das Recht auf Bewegung, movement, also das Recht auf Migration. „Migration“ bedeutet einfach, dass man nicht genau da lebt, wo man geboren wurde und die Kindheit verbracht hat. Den Radius, den man verlassen muss, um als „Migrant“ zu gelten, geben viele Forscher mit 30 km an. So gesehen sind sehr viele von uns am Taus Migranten.
Ausländische Migrationserfahrung haben in Backnang über 50% der Schulpflichtigen. Jedes zweite Schulkind hat mindestens ein Elternteil, das nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt.
Ist es in den anderen Ländern genauso? Welche Erfahrungen gibt es dort? Wie ist die Situation für Flüchtlinge, die extreme Form der Migration? Das sind nur drei der Fragen, auf die wir in dieser Woche Antworten finden wollten.

MONTAG – Ankommen!

Wie ist es, wenn man irgendwo NEU ist und kaum jemanden kennt?

Dann ist es schön, wenn man freundlich begrüßt wird. Frau Ernst übernahm diesen Part am Montagmorgen in 701/702. Danach stellten die Schülerinnen und Schüler sich und ihre Schule vor. Für unsere Teilnehmer gab es eine Überraschung, denn Frau Hoffmann hatte sich einen Film besorgt, den die jetzigen 10ner als 6er gedreht hatten. Frau Schmeckenbecher hatte diesen Film aufbewahrt und Frau Hoffmann eine englische Tonspur draufgesprochen. Das Wiedersehen mit dem jungen Ich war eine gelungene Überraschung und sorgte für ein paar Lacher. Die Beiträge der anderen Schulen waren ebenfalls sehr gut und man gewann einen Eindruck, wie es dort aussieht.
Herr Balzer (erster Bürgermeister der Stadt Backnang) begrüßte alle 44 Teilnehmer im Namen der Stadt und wünschte uns eine erfolgreiche Tagung.
Wir sind sehr froh in Herrn Balzer, Frau Ferenz-Gröninger und Herrn Heidebrecht drei sehr kompetente Ansprechpartner bei der Stadt Backnang gefunden zu haben, die uns in allen Belangen unterstützt haben. Besonders der Donnerstag hätte ohne ihre Mithilfe nicht stattfinden können. DANKE!!!

Bevor es in die Mittagspause ging, wurden internationale Gruppen gebildet, damit das Stadtspiel am Nachmittag mit neuen Kontakten anfing.
Die Gruppen waren komplett durchgemischt, schließlich kommen junge Menschen in fremden Städten nicht immer mit Freunden und Familien an.

Die Aufgaben dieser Stadtralley hatten auch kaum etwas mit der üblichen Suche nach Sehenswürdigkeiten zu tun. Es sollten Ärzte gefunden werden, Orte an denen man Zeitungen und Zeitschriften in allen Muttersprachen lesen kann. Ebenso sollten die Gruppen Deutschkurse ausfindig machen, Wohnungen finden und natürlich auch das Bürgeramt aufsuchen, um sich „anmelden“ zu können. Die Frage wo man in der Stadtmitte von Backnang günstig Lebensmittel einkaufen kann, war auch nicht leicht zu beantworten. Und wussten Sie/Ihr, dass man in Backnang ohne Deutschkenntnisse ins Kino gehen kann, aber nur dann, wenn man Englisch spricht? Untertitel bei deutschen Filmen zum Erlernen der Sprache gibt es nicht. Da muss man schon einen Fernseher und einen DVD-Spieler besitzen.
Ohne Hilfe der deutschen Schülerinnen und Schüler hätten die gemischten Gruppen es sehr schwer gehabt, die Aufgaben zu lösen. Und auch für die Deutschen waren die Aufgaben nicht leicht. Zum Arzt geht man meistens mit den Eltern, diese suchen den Arzt aus, den sie für den besten halten, und sind auch dabei, wenn man zum ersten Mal behandelt wird. Als Neuling mit Schmerzen einen Arzt aufzusuchen, den man wahrscheinlich nicht versteht, dessen Geräte und Behandlungsmethoden man vielleicht nicht kennt, ist bestimmt nicht einfach. Jeder, der im Ausland schon ins Krankenhaus musste, kann dies bestimmt nachfühlen. Und nicht umsonst gibt es in deutschen Urlaubshochburgen deutsche Ärzte.

Also Ankommen ist schwer, wenn man die Sprache kaum oder gar nicht spricht. Man braucht Unterstützung.
An dieser Stelle möchte Frau Hoffmann Herrn Weisshaar danken, der ihr in den ersten Klassenkonferenzen hier im Schwabenland als Dolmetscher zur Verfügung stand ;-)

DIENSTAG – Wo ist hier bitte das Ausland und wer ist für die Durchsetzung der Menschenechte in Europe verantwortlich?

Innerhalb der EU müssen wir an der Grenze nicht beweisen, dass wir genug Geld dabei haben, keine Straftaten begangen haben oder werden und auch keine Fingerabdrücke hinterlassen. Innerhalb der EU vertrauen wir uns, ein schönes Gefühl.

Erasmus-Ausflug nach Straßburg

Am Dienstag, den 9.Mai, fand der im Zuge des Erasmus-Projektes organisierte Ausflug nach Straßburg statt. Das Erasmus-Projekt ist ein Projekt zwischen Deutschland, Polen, Spanien, Italien und Finnland, welches unter dem Thema Menschenrechte steht.
Um 7:20Uhr brachen die 43 Schüler und 11 Lehrer der fünf Länder nach Straßburg auf. Die Busfahrt verlief bis auf kleinere Staus überwiegend ruhig und reibungslos. In Straßburg angekommen, war das erste Ziel auch direkt das Hauptziel: Der Europäische Gerichtshof der Menschenrechte. Mit Besucherausweis und großem Interesse ausgestattet, betraten die Schüler das Gebäude, in welchem sie freundlich von einer Mitarbeiterin und einem Vortag über die Mitgliedsstaaten der Gemeinschaft empfangen wurden. Für viele war interessant, dass Russland der Vereinigung angehört, Weißrussland hingegen nicht, da es hier noch die Todesstrafe gibt, was schlicht gegen die Prinzipien der Europäischen Menschenrechte spricht. Zu unter anderem diesem Thema wurde danach noch ein Film eingespielt, welcher weitere Menschenrechte und die Haltung der Politiker vorstellte.
Das eigentliche Highlight des Besuches war es jedoch im Hauptsaal des Gerichtshofes zu sitzen. Es entstand auch noch eine kleine Diskussion über das Thema Türkei, welches ja die Todesstrafe einführen will, doch Mitglied der Vereinigung ist.
Nach diesem Besuch stand ein kleiner Fußmarsch zum Europäischen Parlament an, welches allerdings nur von außen bestaunt werden konnte, da keine Möglichkeit einer Führung bestand.
Der Ausflug endete noch mit etwas Freizeit, um in Straßburg zu essen, einzukaufen oder das beeindruckende Münster zu besichtigen.
Um 16Uhr ging es wieder Richtung Backnang, um dann schließlich gegen 18Uhr wohlbehalten anzukommen.

Nicola Stach (10a)

Mittwoch – Sie mussten weg – sie wollten weg!

Dieser Tag war ganz der Migration in den einzelnen Ländern gewidmet.
Jedes Land, jede Gruppe stellte vor, welche Formen von Migration in den letzten Jahren vorkamen. Teilweise ging man über ein Jahrhundert zurück.

Alle Länder kennen Emigration, also das Verlassen seines Heimatlandes, weil man sich woanders ein besseres Leben erhofft. Besonders im 19. Jahrhundert wanderten die Europäer aus. Lieblingsziel: AMERIKA, und zwar der ganze Kontinent.
Die wirtschaftlichen Motive überwogen, aber es gab auch politische Gründe wie etwa die Unterdrückung durch Faschisten und Kommunisten.

Bei der Immigration gab es ebenso viele Parallelen. Historisch gewachsene Verbindungen scheinen eine Rolle zu spielen. Finnen gehen nach Schweden, Polen nach Deutschland, Bewohner ehemaliger Kolonien Spaniens zieht es nach Spanien. Besonders durch die Anwerbung von Gastarbeitern für die BRD nach dem 2. Weltkrieg bestehen besondere Verbindungen zwischen Deutschland, Spanien und Italien. In der BRD waren zu viele Stellen unbesetzt und in Spanien, Italien, Griechenland und der Türkei gab es zu viele Menschen mit schlechter oder keiner Arbeit.
Es scheint also für uns Europäer ganz selbstverständlich zu sein, sein Glück, seine Arbeit in einem anderen Land finden zu dürfen. Warum dürfen es dann andere nicht? Eine Antwort darauf fiel uns sehr schwer, die Flüchtlingskrise, die in jedem Land ein Thema ist, stellt uns da vor eine Herausforderung.

Am Nachmittag waren wir dann im Lindenmuseum in Stuttgart für zwei Führungen. Eine berichtete über den Islam in Deutschland, die andere setzte sich mit der Migration in Asien auseinander. Für viele war neu, dass 10 Millionen Hindus und Moslems die Wohnorte wechseln mussten, als die Länder Pakistan und Indien 1947 entstanden. Wer heute als Tibeter seine Kultur leben will, sollte auch besser nach Indien auswandern. Migration ist also ein weltweites Thema.

Bunter Abend

Einen Abend der besonderen Art feierten wir dann anschließend. Im Rahmen des Humrev-Projekts fanden sich Lehrer und Schüler der am Erasmus+-Projekt beteiligten Länder im Musiksaal der Schule zum „Liederabend“ ein. Bei einem bunten Programm aus Beiträgen des Orchesters und des Chores des Tausgymnasiums sowie individuellen Gedicht- und Liedbeiträgen unserer Partner aus Polen, Spanien, Finnland und Italien lieferte der Abend ein deutliches Zeichen dafür, wie europäische Kooperation aktiv gelebt und auch künstlerisch ausgedrückt werden kann. Mit Beiträgen wie Soldidarnosc Protest-Liedern, „We are the world“ oder „Vapaa mies“ (finnisches Gedicht) zeigte sich abermals, auf wie vielfältige Weise das oft nur einfach ausgedrückte Label „Europa“ gestaltet ist. Das Verbindende dieser Vielfalt wurde dabei wiederholt durch die Moderation von Judith Steckl und Jale Enssle im Laufe des Abends deutlich gemacht.
Nach dem fast zweistündigen Programm wurde dieser Austausch auch auf kulinarischer Ebene bei einem gemeinsamen Buffet fortgesetzt und klang schließlich im Foyer des Tausgymnasiums bei gemeinsamen Gesprächen am späteren Abend aus.
Für die tatkräftige Unterstützung bei der Durchführung des Abends möchten wir uns bei allen beteiligten Schülerinnen und Schülern herzlich bedanken.

DONNERSTAG – Ihre Papiere bitte! Rutsch rüber!

Wir sind uns bewusst, dass man Migration nicht einfach nacherleben kann. Wir haben aber versucht, Einblicke zu schaffen.

Der Tag fing mit einem kurzen Theaterstück an.

Hans Magnus Enzensbergers Essay mit dem Titel „Im Fremden das Eigene hassen?“ wurde 1992 im „Spiegel“ veröffentlicht. In diesem stellt er die Eisenbahnparabel vor. In einem Abteil (Land) haben es sich zwei Menschen gemütlich gemacht, alles was sie brauchen ausgebreitet und damit auch die anderen Plätze belegt. Was passiert nun, wenn neue Fahrgäste das Abteil betreten und Plätze einnehmen wollen? Dieses Verhalten beschreibt Enzensberger und die Schüler haben es in ein Stück umgewandelt. Sie zeigten mit ihren Gesten und Gesichtsausdrücken ganz deutlich welche Emotionen im Spiel waren. Sie froren Szenen ein und ließen die Zuschauer die Emotionen aller Beteiligten beschreiben. Klar wurde, dass man ungern Platz macht, auch wenn man nur Anrecht auf einen Platz hat.

Danach wurde ein Planspiel erklärt und durchgeführt. Es gab Grenzposten von jedem Land und der USA. Jeder wurde mit einem Schüler/ einer Schülerin des Landes besetzt, die USA übernahmen auch deutsche Schülerinnen. Alle Grenzposten hatten genaue Anweisungen, wie sie sich den Migranten gegenüber verhalten sollten und welche Dokumente zu verlangen waren. Diese Hinweise entsprachen den aktuellen Einreisebestimmungen der Länder.
Die restlichen Teilnehmer wurden mit neuen Pässen, Geld und persönlichen Angaben ausgestattet und durften dann versuchen, in ein Land ihrer Wahl einzureisen. Hilfestellung gab es, denn bei Frau Beckmann-Rögele und Frau Hoffmann konnte man die nötigen Unterlagen kaufen, aber natürlich nur, wenn man genug Geld hatte. Manche scheiterten immer, der Syrer wurde eben nicht in die USA eingelassen, genauso wie die Schwangere (über 4. Monat), manche bezahlten einfach und reisten ein, wie in unserem Beispiel die Schweizer. Auf jeden Fall war es eine andere Erfahrung als beim Besuch in Frankreich. Einfach so über die Grenze fahren, war halt nicht drin. Der Frust einiger Migranten fand sich dann auf den Plakaten wieder, die extra dafür aufgehängt wurden. Interessant waren auch die Bestechungsversuche und die verzweifelte Frage, ob man einfach seinen Pass wegwerfen könne und eine andere Nationalität annehmen dürfe. Vorgänge, die uns aus den Nachrichten als real bekannt sind.
Bei der Nachbesprechung fiel auf, dass Bildung und Geld die Schlüssel zur Einwanderung sind. Hat man diese, ist man willkommen, bekommt z.B. in Deutschland sofort die unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung.

Das war nun die Theorie, am Nachmittag kam die Realität. Mit Hilfe von Frau Ferenz-Gröninger und den Herren Balzer und Heidebrecht und unseren eigenen Kontakten konnten wir sehr viele Personen mit Migrationserfahrung gewinnen, sich mit den Teilnehmern der Mobility zu unterhalten. Es waren Vertriebene da, Flüchtlinge aus der DDR und der CSSR, Wirtschaftsmigranten aus Spanien und Griechenland, Aussiedler, zum Beispiel aus Rumänien, Deutsche, die aus anderen Bundesländern nach Backnang zogen und Flüchtlinge, die gerade jetzt in Backnang angekommen sind und sich hier ein neues Leben aufbauen wollen. Alle Geschichten bewegten und die 90 Minuten waren viel zu kurz, um mit allen ins Gespräch zu kommen. Es kam auch zu interessanten Gesprächen unter den Gästen selbst, oder hättet Ihr/hätten Sie gedacht, dass der Flüchtling aus der DDR sich mit dem Nigerianer über deutsche Flüchtlingslager und Erstunterkünfte und deren Ausstattung unterhalten kann?

FREITAG – Was nun?

Die ersten 90 Minuten des Tages waren für die Reflexion der Woche vorgesehen. Wir dachten über die Erfahrungen nach und was wir mit ihnen machen wollten.
So kam es zu einer Aufstellung von Ansprüchen, die wir nun erfüllen wollen. Diese kann man auf der Projektseite im Netz nachlesen.
Besonders im Kopf blieb die Aussage einer Polin, die nach dieser Woche anders auf Migranten schauen wird. Sich darüber klar zu sein, dass sehr viele von uns Migranten sind und dass Verallgemeinerungen den Menschen nicht gerecht werden, ist schon der erste Schritt. Das Menschenrecht auf Migration zu gewähren, ist ein so umfassendes und schwieriges Thema, an dem wir weiterhin arbeiten müssen.

Danach war normaler Unterricht gefragt. Einfach auch mal sehen, wie das hier in Backnang so läuft. Den Abend verbrachten dann alle in ihren Familien, bevor es am Samstag wieder zurückging.

Wir sehen uns wieder im nächsten Schuljahr, in Alicante. Das Thema Menschenrechte ist noch lange nicht durch!

Vielen Dank an alle, die sich an diesem Projekt beteiligten und es unterstützten!