Aus Ausgrenzung wird Toleranz - Gastarbeiter-Enkel erforscht Familie

Als Arbeiter willkommen, als Bürger nicht? Der Enkel eines Gastarbeiters und einer Schwäbin hat die Ausgrenzung seiner Familie erkundet. Gewonnen hat er damit nicht nur einen Preis, sondern auch Erkenntnisse für das Jahr 2015.

Foto: Körber-Stiftung / David Ausserhofer

Backnang (dpa/lsw) – Als Pedro Bayón 1960 aus Madrid in den Südwesten kam, waren Spanier dort rar – auch wenn sich die Schwaben rasch an die Gastarbeiter gewöhnten. Als aber der katholische Ausländer und die evangelische Einheimische Elsbeth Eder zwei Jahre später heirateten, war bei einigen Schluss mit der Toleranz: Getuschel, Ausgrenzung, böse Blicke wurden häufiger. Wie fanden die Kulturen zusammen?

Drei Generationen später hat das der Enkel des Ehepaars, Julius Bayón, erforscht. Mit seiner Arbeit zum Thema «Anders sein – Außenseiter der Geschichte» hat der 17 Jahre alte Gymnasiast aus Backnang (Rems-Murr-Kreis) den ersten Preis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten Joachim Gauck gewonnen. «Diese Heirat war etwas ganz Neues», sagt Bayón. Bis das Normalität wurde, habe es Zeit, den Kontakt mit den Fremden und den Willen auf beiden Seiten gebraucht – was auch entscheidend für den Umgang mit Flüchtlingen heute sein könne, sagt Bayón.

Sein Spanisch ist gut und sein Nachname klingt nicht gerade schwäbisch. Doch Anfeindungen kennt Bayón heute nicht. Auch seine Großeltern wurden nicht verstoßen oder bedroht. «Es gibt in der Geschichte sicherlich stärkere Beispiele für Ausgrenzung», räumt er ein. Aber das doppelte Tabu, nämlich die unterschiedliche Nationalität und die unterschiedliche Konfession, machte seine Großeltern im pietistisch geprägten Remstal zu Außenseitern. «Heute ist die Mehrheit offen und hat keine Angst. Das war in den 60er Jahren nicht so», sagt Bayón. Dieser Wandel habe auch dazu geführt, dass Asylsuchende heute zum großen Teil freundlich und hilfsbereit aufgenommen würden.

Für die knapp 50 Seiten seiner Arbeit durchforstete Bayón akademische Zeitschriften und die Landesbibliothek in Stuttgart – alles neben Schule, Freunden, Fußball und Geige. «Es war viel Aufwand, auf jeden Fall», sagt der Zwölftklässler. «Aber wenn ich schon mitmache, dann richtig.» Das hat sich gelohnt: «Der Beitrag sprengt die Maßstäbe, die an Wettbewerbsbeiträge von Schülern anzulegen ist», lobt ein Gutachten.

Neben seinen Großeltern interviewte er dafür auch alte Bekannte. «Es war nicht einfach, Leute zu finden, die mit mir darüber sprechen wollten», sagt Bayón. Was ihn ärgert: Heute fand er niemanden mehr, der gegen die Ehe war. Verständlich, aber so fehle auch eine Perspektive. Über seine eigenen Vorurteile wolle wohl heute niemand sprechen.

Zwar konnte er mit der Arbeit sein mündliches Abitur in Geschichte schon ablegen, eine Karriere im Feld stellt sich Bayón aber nicht vor. Lieber will er nach seinem Abitur 2016 Jura studieren. «Für’s Leben praktischer», sagt er. Zuvor steht aber noch ein Freiwilliges Soziales Jahr als Geigen-Lehrer in Südamerika auf dem Plan. Fast 60 Jahre, nachdem sein Großvater in den Südwesten kam, will Julius Bayón erst einmal von dort weg.

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