Fünfzehn Monate auf der Flucht quer durch Europa

Ein junger Afghane zu Gast im Gymnasium in der Taus

Zehntklässler mit Wafa Zabiullah

Im Jahre 2014 wurden allein in Stuttgart ca. 700 minderjährige Flüchtlinge aufgenommen. Eine erschreckende Zahl, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Flüchtlinge ohne Familie oder Freunde den weiten Weg auf sich nehmen mussten. Deshalb wurde die Organisation UMF (unbegleitete minderjährige Flüchtlinge) vom Jugendamt Stuttgart ins Leben gerufen. Sie kümmert sich zunächst um eine geeignete Unterkunft für die Jugendlichen und leitet alle weiteren Schritte ein.
Am vergangenen Mittwoch, den 25. Februar 2015 haben Soudabeh Ahmady, eine Betreuerin bei UMF, und Wafa Zabiullah, ein junger Flüchtling aus Afghanistan, das Gymnasium in der Taus besucht, um Schüler der Klassenstufe 10 über UMF zu informieren. Dabei erklärte Soudabeh Ahmady genau, wie sie die Flüchtlinge in die Gesellschaft eingliedern. An wichtigster Stelle steht dabei der Deutschkurs, damit die Jugendlichen möglichst schnell in einen geregelten Alltag hineinkommen und zur Schule gehen können.
Aber warum ist ein Minderjähriger unbegleitet auf einer Flucht? Die Eltern der Jugendlichen sparen ihr ganzes Geld, um ihre Kinder beispielsweise nach Deutschland zu schicken, damit diese es einmal besser haben können. Denn oftmals können die Kinder in ihrem eigenen Land nicht einmal zur Schule gehen und haben somit keine Chance auf eine bessere Zukunft. Außerdem ist momentan auch der Terrorismus in vielen Ländern der Grund für ein unerträgliches Leben dort, weshalb gerade in letzter Zeit die Flüchtlingszahlen explodieren.
In Deutschland haben die Jugendlichen wenigstens eine Chance auf Bildung und eine sichere Lebensgrundlage. UMF ermöglicht es den minderjährigen Flüchtlingen, einen Abschluss zu machen und eine Ausbildung zu beginnen. Leider gibt es eine ganze Reihe von Unternehmen, die diesen Jugendlichen keine Ausbildung ermöglichen, weil sie jeder Zeit wieder ausgewiesen werden können.
Wafa Zabiullah hat den Schülern seine Geschichte erzählt. Man weiß nicht genau, wie alt er ist, denn in Afghanistan und vielen anderen Ländern gibt es keine Geburtsurkunden oder andere Papiere, die das Geburtsdatum festhalten. Er ist ungefähr 18 Jahre alt und hat seine Flucht begonnen, als er in etwa 16 Jahre alt war. Er war 15 Monate mit dem Auto und auch teilweise zu Fuß unterwegs. Dabei hat er neun Länder durchquert und war sogar drei Monate in Bulgarien im Gefängnis, da er sich ohne Papiere nicht ausweisen konnte und somit illegal im Land war. Es war für ihn nicht einfach, über seine Flucht zu sprechen und auch den Grund für diese wollte oder konnte er nicht nennen. Wafa Zabiullah ist zusammen mit ein paar Freunden geflüchtet und ist nun seit über einem Jahr in Deutschland und spricht schon sehr gut Deutsch. Nach seinem Abschluss möchte er Politik studieren, und mit seinem jetzigen sehr guten Notendurchschnitt von 1,7 ist er auf dem besten Weg dorthin. Seine Leidenschaft ist außerdem Karate, welches er mit vollem Erfolg seit neun Jahren ausübt. 2014 wurde er bei den Meisterschaften in Ungarn in der offenen Gewichtsklasse Dritter.
Als die Schüler ihn danach fragten, was er denn am meisten an Deutschland möge, nannte er die Pünktlichkeit und dass es ihm hier viel besser gehe. Außerdem findet er alle Menschen sehr nett und zuvorkommend. Zwar bereite ihm die deutsche Grammatik ein paar Probleme, jedoch habe er sich inzwischen schon sehr gut eingelebt. Nach seinem Abschluss würde er gerne seine Eltern und seine sechs Geschwister besuchen, die er seit seiner Flucht nicht mehr gesehen hat. Jetzt möchte er sich aber auf die Schule und die kommende Europameisterschaft im Mai konzentrieren.
Seine Erzählung war sehr lebendig und für alle Teilnehmer eine sehr interessante Erfahrung, welche die Schüler dem stellvertretenden Schulleiter Artur Ulmer als Organisator von diesem Nachmittag zu verdanken haben.

BKZ-Artikel vom 04.03.2015