Mit viel Fantasie und ohne viel Respekt

Theater-AG des Tausgymnasiums traut sich, den Kaufmann von Venedig im Bandhaus auf die Bühne zu bringen

Die Schüler der Jahrgangsstufen 10 bis 12 gaben gefeierte Vorstellungen des heutzutage umstrittenen Shakespeare-Stückes Der Kaufmann von Venedig. Seit Oktober hatten sie unter Leitung von Annette Mennenkamp und Catrin Peter an der Inszenierung gearbeitet.

Haben Shakespeares Vorlage verändert und sich selbst auf den Leib geschnitten: Die Akteure der Taus-Theater-AG.Foto: P. Wolf

BACKNANG. Zwar handelt es sich beim Kaufmann von Venedig um eine Komödie, aber es ist eine, die es in sich hat. Die problematische Figur des Juden Shylock sorgte schon für Theater-Eklats, und manche halten das Stück für nach dem Holocaust unspielbar. Dabei ist es nicht eben sinnvoll, Shakespeare Antisemitismus zu unterstellen. Weder verschweigt das Werk die Gründe für Shylocks Handeln und Fühlen, noch ist der Jude der einzige Wucherer im Stück: Entsprechend polemisch zum Beispiel lautet die in der Gerichtsverhandlung gestellte protokollarische Frage Wer ist der Kaufmann hier, und wer der Jude

Die Theater-AG des Gymnasiums in der Taus entschied sich bei grober Vereinfachung der Charaktere trotz seiner Brisanz für den Stoff, hat aber die politisch-religiösen Aspekte bewusst vernachlässigt. Ins Zentrum ihrer Inszenierung rückten die Schüler Fragen nach der Bedeutung von Reichtum und Freundschaft. Sie verbanden dies mit dem ausdrücklichen Anliegen, von Politischem unbeschwerte Komik zu transportieren. Und das ist ihnen vortrefflich gelungen. Mit Fantasie und ohne allzu viel Respekt haben sie Shakespeares Vorlage verändert und sich selbst auf den Leib geschnitten.

In der ersten Szene bringt Lanzelot, als Diener und Narr in einem angelegt, das ausverkaufte Haus gleich auf Touren, indem er den Hintergrund der Story rasend schnell erzählt und dabei allerlei Kapriolen zum Besten gibt. Ganz nebenbei klärt er noch über Hosenrollen (Männer spielende Frauen) und ökonomische Notwendigkeiten (Mehrfachbesetzungen) auf. Darsteller Yannick Blomdahl soll im weiteren Verlauf des Abends wiederholt mit seinem komischen und tänzerischen Talent glänzen. Szenenapplaus ist ihm sicher. Kleine Kabinettstücke gibt Yannick mit einem Monolog, der seine Gewissensbisse und das Durcheinander in seinem Kopf thematisiert oder als schriller Prinz von Marocco mit Federboa und stolzierendem Schritt. Überragend in den Rollen der Antipoden Shylock und Antonio agieren Christopher Bock und Ann-Kathrin Wurche. Christopher spielt einen allmählich in den Wahnsinn treibenden Schurken von kaltem Hohn, der, diabolisch geschminkt, zum Ende hin von irrwitzigen Anfällen geschüttelt, lachend hustet oder hustend lacht, dass man sich fragt, wie der junge Mann diese Töne aus seinem Körper holt. Ann-Kathrin überzeugt mit tiefem Ernst bei (unter anderem hautnah face to face) feinem Minenspiel und in allen Lebenslagen des guten Antonio mit souveräner Körpersprache.

Auch komische Elemente enthalten hingegen die Darstellungen der anderen Figuren: Bassanio und Porzia (Fabian Nagel und Sophia Küchen) sowie Lorenzo und Jessika (Jan Schneider und Lisa-Marie Grimmer) bringen mit Bühnenkuss und teilweise amüsanten Dialogen die Thematik der jungen Liebe ein, wobei besonders die Mädchen mit tollen Kostümen (Oh ich glaub an schöne Kleider.) brillieren. Dies gilt auch für Paulina Hermann (in der Rolle der Nerissa), der es in einer Verkleidungsszene gemeinsam mit Sophia gelingt, deren immer wieder sich lösenden Bart situationskomisch auszuschlachten, dass es eine Freude ist.

Undenkbar wäre die Aufführung aber auch ohne die nuancierte Ausarbeitung der kleineren Charaktere durch Hannes Gärtig (Graziano und Tubal), Sören Ohmstedt (Salarino und der Doge von Venedig) sowie Hanna Rosenbauer (Solanio und Plakatentwurf). Sie beeindrucken unter anderem in einer Fechtszene durch Eleganz und perfekte Körperbeherrschung und bringen mit gewitzten Details auf den Punkt, dass Ernst und Heiterkeit in der Komödie nah beieinander liegen. Dabei ergeben Bühnenbild (Franz Fiala) und Ton- und Lichttechnik (Tim Layher) eine harmonische Einheit: Drei schlichte Holztüren mit aufgemalten goldenen Euro-Zeichen erstrahlen im Rhythmus der Musik in verheißungsvollem Glanz gleich zu Beginn also eine wortlose Frage nach dem Wert des Geldes, die das Publikum mit schlichten Mitteln und dennoch perfekt auf die Thematik einstimmt. Es ist nicht alles Gold, was glänzt (Alles ist nicht Gold, was gleißt.) eine Botschaft, die zum Allgemeingut gehört, aber selten so unterhaltsam präsentiert und begeistert aufgenommen wird.

BKZ-Artikel vom 15.07.2014