„In Afghanistan war doch immer Krieg“

Wahed Alizade flüchtete mit 16 Jahren aus seiner Heimat—Im Gymnasium in der Taus erzählte er über sein Schicksal

Wenn Wahed Alizade von seiner Flucht aus Afghanistan nach Deutschland erzählt, tut er dies in ruhigem Ton. Bisweilen huscht ein Lächeln über das Gesicht des Siebzehnjährigen, ein unverbraucht wirkendes Gesicht, das so gar nichts von dem erzählt, was es schon alles gesehen und erlebt hat. Wahed ist im Gymnasium in der Taus zu Gast.

Nach einer langen Odyssee besucht er nun eine Werkrealschule: Wahed Alizade. Foto: T. Roth

Von Thomas Roth

BACKNANG. Der Vater tot. Bei einem Selbstmordattentat ums Leben gekommen. Der eine Bruder tot. Auf eine Mine getreten. Der andere Bruder tot. Erschossen. „Wenn mir was passiert, gehst du allein.“ Diese Worte von Waheds Mutter werden wahr. Sie hat es nach Teheran verschlagen, dort bleibt sie auch zurück. Doch sie lebt. Sie leidet an Asthma und wäre den körperlichen Strapazen einer weiteren Flucht gesundheitlich nicht gewachsen. Wahed, gerade mal 16, schlägt sich auf eigene Faust nach Deutschland durch. Seine Odyssee dauert ein halbes Jahr. Dann fährt der Nachtzug von Milano in den Stuttgarter Hauptbahnhof ein.

Geschafft. Dazwischen Todesangst, Hunger und Entbehrung. Schlepperbanden, Verhaftungen, fünf gescheiterte Versuche, mit einem Schlauchboot von Izmir auf die Insel Samos zu gelangen. Wahed kann nicht schwimmen. Der Sprit ist aus. Rettung durch ein griechisches Fischerboot. Von Samos weiter nach Italien. In einem Lkw. Eingepfercht über einen Tag lang. Über Rom mit dem Zug nach Mailand. Dort den Rest jenes Geldes, das noch vom Vater stammt, in ein Zugticket nach Stuttgart investiert. Dann am Ziel. Und nun? Das Empfangskomitee: die Polizei. Des Wachmanns geübtes Auge erkennt Wahed recht rasch als betreuungswürdig. Wahed: „Die Polizei war ganz nett.“ Sie bringt ihn in ein Kinderhaus, wo er zwei Monate bleiben kann. Wahed erinnert sich: „Die Mitarbeiter dort waren auch ganz nett.“ Da ist es wieder, dieses über das Gesicht huschende Lächeln. Und wenn der afghanische Junge vor den Schülern des Gymnasiums in der Taus aus seinem jungen Leben erzählt, hat man tatsächlich den Eindruck, dass er im wahrsten Sinne des Wortes angekommen ist. „Ganz wichtig ist“, so sagt er, „dass man in Sicherheit ist.“ In seiner Heimat nahe der Stadt Ghazni in Zentralafghanistan gehören Schüsse und Detonationen zum Alltag. Die Taliban verboten der Mutter, weiterhin als Lehrerin zu arbeiten. Sie hacken, so berichtet er mit spürbarem Kopfschütteln, Menschen die Hand ab, wenn sie angeblich etwas gestohlen haben. Zur Abschreckung. Die kulturellen Unterschiede zwischen hier und da sind immens. Wahed muss sie verkraften. Er scheint dies mit Freude zu tun. Und er bekommt Unterstützung. Mit im Klassenzimmer des Backnanger Gymnasiums sitzt auch Knut Albrecht, Vorstandsmitglied der Internationalen Liga für Menschenrechte. Die Unterstützung von unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen sei, so Albrecht, „kein karitativer Akt, sondern die Umsetzung von Recht“. Die AG Dritte Welt betreut seit 35 Jahren Flüchtlinge und hat die Vormundschaft für Wahed übernommen. Jens Peter setzt sie in die Tat um. Seit über einem Jahr läuft der Asylantrag. Bisher ergebnislos. Doch ist Wahed nach Ansicht von Stefan Spatz, dem stellvertretenden Leiter des Stuttgarter Sozialamts, derzeit relativ sicher. Abgeschoben werden kann er nicht. Franz-Josef Cämmerer vom Jugendamt in der Landeshauptstadt erwähnt die demografische Entwicklung Deutschlands, das über junge integrationswillige Neubürger eigentlich dankbar sein müsste.

Wahed entgegnet auf die Frage einer Schülerin, wie er den Beginn des Krieges in seiner Heimat erlebt habe: „In Afghanistan war doch immer Krieg.“ Udo Weishaar, Kurslehrer des Kernfachs Geschichte und ebenfalls Mitglied der Internationalen Liga für Menschenrechte, resümiert: „Wahed ist für uns ein Glücksfall. Ein Zeitzeuge. Für Wahed ist es Schicksal.“ Konrektor Artur Ulmer, auch er ist Mitglied der Menschenrechtsliga, lenkt den Fokus des Interesses noch einmal auf das Thema Menschenrechte. Die junge Dolmetscherin hat Wahed übrigens so gut wie nicht gebraucht. Nur einmal: „Wie heißt das?“ „Abhacken.“

Quelle: bkz-online