Integrativer Foxtrott – mit einem besonderen Twist

Jugendliche vom Tausgymnasium und Partner mit Downsyndrom absolvierten gemeinsam in der Tanzschule Rebsch einen Kurs und hatten dabei viel Spaß

Übten gemeinsam Party- und Standardt­änze: Jugendliche vom Backnanger Taus­gym­nasium und ihre Partner beim Abschluss. Foto: A. Becher
Von Simon Haas

BACKNANG. Als nach dem streng choreographierten Sirtaki der Twist ertönt und (fast) alle Kon­ventio­nen fallen, ist Tim nicht mehr zu bremsen. Mit kreisenden Hüftschwüngen ertanzt er sich einen exponierten Platz vor den Zuschauern und wirft sich mit akro­batischen Drehungen aufs Parkett. Seine Fans belohnen die kleine Breakdance-Einlage mit stürmischem Beifall, den Tim wiederum mit einem Handkuss goutiert: "Yeeeah", ruft er dem Publikum entgegen, sichtlich zufrieden mit seiner Per­for­mance. Unter den Schülerinnen des Taus­gym­nasiums ist man sich einig: "Tim ist ein Fall für sich", erklären sie lachend.

Eine von Tims Tanzpartnerinnen ist die 15-jährige Joulia Brountsou. Zusammen mit fünf Mitschülerinnen übt sie seit rund zwei Monaten zwei Schulstunden die Woche Party- und Standardtänze. Die Herausforderung dabei - die Mädchen hatten bereits in der neunten Klasse einen Anfängerkurs absolviert - ist indes weniger sportlicher als vielmehr sozialer Natur: Ihre Partner sind allesamt Jugendliche mit Down-Syndrom.

"Die haben alle ganz unterschiedliche Charaktere", sagt Joulia. Berührungsängste zwischen "normalen" und gehandicapten Jugendlichen gab es aber keine. "Das war von Anfang an echt kein Problem", meint Annika Belz, die sich bereits für den F-Kurs am Dienstag angemeldet hat. Sehr direkt seien sie halt. Da konnte es schon mal vorkommen, dass während des Tanzkurses einer der behinderten Jugendlichen einfach keine Lust mehr hatte - und das auch offen kommunizierte.

Heidrun Rebsch redet auf ein eng umschlungenes Tanzpärchen ein. "Wollt ihr nicht mit einer der Schülerinnen tanzen?", fragt sie. 21 Uhr, Zeit für die Rumba-Vorführung also. Jessica und Moritz schauen sich verliebt in die Augen - und schütteln trotzig den Kopf. Rebsch gibt auf. "Die sind wenigstens ehrlich", meint sie schmunzelnd, "wenn sie keine Lust mehr haben, sagen sie das auch."

Das gilt freilich auch umgekehrt, wie der 14-jährige Felix von der Tausschule erfahren musste. "Den hat sich Sophia geschnappt", erzählt Rebsch, "und wollte gleich mit ihm zusammenziehen." Unter dem Hinweis, dass Felix` Eltern da wohl noch ein Wörtchen mitzureden haben, konnte sie die Situation vorerst entschärfen. Tim Dörfler tanzt hingegen gern auf mehreren Hochzeiten. "Ich mag sie alle", sagt er selbstbewusst. Nathalies Stimme habe es ihm aber besonders angetan. Die schaut nur verlegen zu Boden, während sich ihre Freundinnen feixend über Tims Schmeicheleien amüsieren.

Auch Heidrun Rebsch schätzt die Unkompliziertheit ihrer ungewöhnlichen Tanzschüler: "Ein bisschen mehr Direktheit würde uns auch ganz gut tun", fasst sie ihre Erfahrungen als Leiterin des integrativen Tanzkurses zusammen. Seit 1974 gibt sie in der Tanzschule Rebsch bei Foxtrott und Walzer den Takt vor. Dass der im Laufe des Abends nicht immer eingehalten wurde, ist, da sind sich alle einig, nebensächlich. Ohne Vorbehalte sei man sich im Tanzkurs begegnet, lobt ein Vertreter des Elternkreises das einmalige Sozialprojekt.

Mit einem Zertifikat, das die jugendlichen Tanzkurs-Absolventen fortan mit einer "verstärkten Teamfähigkeit" ausweist, verabschiedet er die Teilnehmer der Aktion. Dazu gibt`s "schöne Blumen" für die Mädels und "stabile und schöne Schlüsselanhänger" aus einer Behindertenwerkstatt für die Jungs.

Sophia lässt derweil Felix nicht aus den Augen. "Das einzige Mal, dass man eine Frau im Griff hat, ist beim Tanzen" - die alte Tanzlehrer-Weisheit, die Heidrun Rebschs Bruder an der Bar zum Besten gab, scheint sich letztlich bewahrheitet zu haben - wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen. Wie Joulia Brountsou zu berichten weiss, hatte Sophia noch am Tag des Abschlussballs in Maubach Hochzeit gefeiert. Ob auch Felix ihr das Ja-Wort gab, war indes nicht zu erfahren.


BKZ-Artikel vom 05.12.2011