Ort des Glaubens, des Gebets, der Kultur

Im Vorraum der Synagoge:
Schüler des Tausgymnasiums
mit Rachel Dror (links). Foto: privat

Katholische Sechstklässler vom Tausgymnasium besuchten Synagoge in Stuttgart – Bewegender Bericht von Rachel Dror

BACKNANG (pm). Mit motivierten und interessierten Schülern auf eine Exkursion zu gehen, ist eine Pracht. So jüngst geschehen, als sich die katholischen Schüler des Gymnasiums in der Taus nach Stuttgart auf den Weg machten, um an einer Synagogenführung teilzunehmen.

Wochenlang hatten sie sich im Fach Religion im Rahmen der Lehrplaneinheit Judentum darauf vorbereitet. Nun konnten sie im jüdischen Gotteshaus der Referentin Rachel Dror all ihre Fragen stellen. Rachel Dror, Jahrgang 1921, kann auf ein wahrlich bewegtes Leben zurückblicken. Sie wurde in Königsberg geboren, ihre familiären Wurzeln lassen sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. In ihrem Elternhaus lernte sie Toleranz und Respekt kennen. Allerdings wurden ihre Eltern später Zeugen davon, dass es Menschen gab, die nicht tolerant und respektvoll mit Andersgläubigen und Andersdenkenden umgingen.

Rachel Drors Eltern wurden in den „Todesfabriken“, so Dror, von Auschwitz vergast, weil sie Juden waren. Rachel Dror wurde gefragt, ob sie nicht einen unglaublichen Hass gegenüber den Mördern ihrer Eltern empfinde. Sie sagte: „Menschen, die psychisch krank sind, kann ich nicht hassen.“ Vieles andere erfuhren die Schüler im Laufe des Nachmittags. Dass von den etwa 4000 Stuttgarter Juden im Dritten Reich über 3000 ihr Leben lassen mussten. Man log sie an, sie dürften in der lettischen Hauptstadt Riga eine Stadt für Juden bauen. Sie sollten einen Koffer voll Werkzeug deswegen mitnehmen. Und was geschah? Statt eine neue Heimat zu bekommen, wurden sie dort kaltblütig erschossen. Vorher schon war die Synagoge in Stuttgart im Jahre 1938 dem Erdboden gleichgemacht. Wie ein Wunder musste es daher ankommen, dass nach den Gräueltaten im Dritten Reich die Synagoge in Stutgart neu erbaut werden konnte.

1938 konnte der treue Hausmeister der Synagoge eine Steintafel retten, die nach dem Krieg im neuen Bau im Jahr 1952 ihren würdigen Ort erhielt. Heute hat die Synagoge eine wichtige Bedeutung für das religiöse und kulturelle Leben in Stuttgart und in Württemberg. Die Synagoge ist der Sitz der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg. Seit vier Jahren befindet sich dort eine jüdische private Grundschule, in die auch nicht jüdische Kinder gehen können. Des Weiteren sind dort ein Kindergarten und ein Altersheim zu finden.

Durch den Zuzug der sogenannten GUS-Juden aus Russland hat die Synagoge viele weitere Aufgaben zu übernehmen. Dort werden Menschen mit der jüdischen Religion vertraut gemacht, in der Bücherei findet sich deutsche, russische und jüdische Literatur. Ein Restaurant befindet sich ebenfalls unter dem Dach der Synagoge. Hochzeiten werden gefeiert und das Fest der Beschneidung, Jugendliche feiern das Fest der Religionsmündigkeit Bar Mizwa oder Bat Mizwa.

Die Synagoge ist Ort des Glaubens, des Gebetes und der Kultur. Rachel Dror gab den Schülern einige Weisheiten mit auf den Weg, die diese mit großem Interesse aufnahmen: „Jeder Mensch ist für das verantwortlich, was er macht“ und „Mit Hass kann man die Welt nicht ändern.“


BKZ-Artikel vom 08.02.2013